10
Mai
2006

der 7. bis 9. Tag

an diesen Tagen sitzt Peter am Wegesrand und erklärt einem Kind Buchstaben und Zahlen.
Die Details sind nicht weiter wichtig und der Berichtserstatter kann sie gar nicht alle notieren.
Das entscheidende ist: ein Mensch lernt lesen. Lernt Rechnen.

buchstaben1

Schreiben dauert noch ein wenig länger. Ueberhaupt dauert das sehr lange.
Doch drei Tage voller Geduld und Aufmerksamkeit und Ermutigung bringen diesen Kinderkopf voran: Dinge werden klarer und logischer. Schriftliche Abmachungen mit Chefs kann er selber lesen und muss sie sich nicht vom Chef vorlesen lassen.
Und dann zuhause vom Bruder hören, dass er wieder einen ganz üblen Arbeitsvertrag unterschrieben hat.

Das Kind lernt lesen.
Eine Sonne geht auf.
Und wenn der Sonnenstrahl das Kind etwas sicherer durch das Erwachsenenleben führt, hat Peter viel bewirkt.

Denn ein Sonnenstrahl ist viel Wert. Unbezahlbar viel wert.
Kann Leben retten. Boden geben. Türen öffnen. Mit buchstabierter Zauberhand.

der 6. Tag

Am Wegesrand steht eine Imbisshütte, wie es sie unzählige gibt Landauf Landab.


Die Bude riecht nach trägem Warten:

warten auf bessere Tage
oder den Lottoregen
oder viele Kunden im Touristenbus.
Das er genau hier anhält und nicht bei einer der anderen 78 Buden in diesem Kilometer, ist eine Frage der Bezahlung.
Der Budenbesitzer versucht mit den wenigen cents die er heute, gestern und vorgestern verdient hat, den Bruder des Cousins des Busfahrers zu bestechen, damit er bei seiner nächsten Touristentour hier anhält. Hier. Und nicht dort drüben.

Hält er drüben, so rennt der Budenbesitzer rüber zu den Touristen, ruft laut seine Preise, Verzweiflung steigt in seine Augen weil alle Kunden schon andere Ziele im Auge haben. Die Geldbeutel schon gezückt sind für andere Verkäufer.
Rücken, er sieht eine Rückenwand mit teuren T-shirts mit leuchtenden Farben.
Sein Alptraum von vielen Nächten: Rücken die eine Wand sind, eine Mauer die er nicht brechen und überwinden kann. Und wie er auch rennt nach links und rechts: überall Rücken Rücken und kein Gesicht dass ihn und seine jämerlichen Produkte anschaut.

Hört fremde Sprachen, fremde lachende Sprachen...und er weis: nie wird er so lachen können. Weil er diese Sprache nicht spricht.

Wenn die Touristenmenge wieder in den Bus einsteigt nach 30 Minuten mit vollen Bäuchen und überfüllten Fotokameras, rennt er noch als letzte Hoffnung mit einer Handvoll Getränkeflaschen neben den losfahrenden Fenstern her.
Schreit das die Getränke billig sind, viel billig - sehr viel billig.
Die billigsten auf diesem ganzen Kilometer.
Doch mit ihm rennen 42 andere Budenbesitzer.
Je weiter der Bus fährt, desto mehr Schreier bleiben erschöpft zurück, andere rennen dem Bus entgegen, nebenher, hinterher.

Das ist ein Tag wie jeder andere auch.

Es geht ums versuchen: versuchen zu schreien und zu rennen.

In der Nacht ist es ein bischen besser manchmal.

Dann schickt er seine 8 jährige Tochter zu der Bude bei der die Touristen sich versammeln.
Sie hat blaue Flecken von den Schlägen wenn sie es nicht richtig macht, sie weis inzwischen wie es richtig ist:
sie stellt sich in den Schatten der Konkurrenzbude, hebt den dreckigen Rock ein bischen und singt ein Lied...und schubst Vatershut ein wenig weiter vor...ins Budenlicht.
Vielleicht fallen ja ein paar Cents rein.

Wenn nichts reinfällt, steigen ihr die Tränen in die Augen, denn sie weiss was sie zuhause erwartet.
Entweder fallen cents in den Hut, oder ihre Tränen auf den Boden.
Die Tränen fallen auf den staubigen Nachtboden.
Auf den kalten staubigen Nachtboden.
Keiner hört sie diesmal.
Und andere Mädchen singen schöner.
Und überhaupt hat der Budenbesitzer das Radio zu laut gestellt.


Peter sitzt an der Bude und isst was es heute gibt: Mais mit Käse.

Und ihm ist schlecht.
Unendlich übel.
Denn die ganze Bude stinkt.
Stinkt nach Verzweiflung und Kälte.
Das Kälte so stinken kann hätt er nicht gedacht.

Angewidert starrt er auf die Strasse und geht diesen Budenkilometer schnell voran.

So dass er möglichst weit weg kommt von diesem Ort.
Der ein ganz normaler Ort ist auf dieser Welt.

Erschöpft und durchgefroren legt er sich schlafen und schützt sein Herz, so dass es nicht unter der Kälte erstarrt.
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