11
Mai
2006

der 10. Tag

Bis zum Horizont schweift sein Blick und er kommt in eine Gegend wo es keinen Menschen gibt. Keine Anzeichen von Zivilisation und von irgendwelchen Handgriffen des Menschen.
Reine rohe organische Natur.

Und sein Herz entspannt sich. Er merkt wie die Bäume ihn einladen zum Rasten.
Da lehnt er sich an einen Baum und langsam gehen seine Ohren auf:

Er hört das Gluckern des Grundwassers,
wasser

die Kommunikationsnetze der Insekten,
insekt

spürt die Signalfluten der Blüten,
blumen1

das klare Rufen der Vögel,
vogel

erkennt die cleveren Lösungen der grösseren Tiere
frosch

Und er schwimmt mit seinen Sinnen in diesem Ozean der Kommunikation von Pflanzen und Tieren.
Es ist völlig sinnhafte Kommunikation: es geht darum Leben zu erhalten und fortzupflanzen. Feinde abwehren, Herden suchen und Reviere abstecken.
Doch das sind schon wieder Teilaufgaben.
Die Hauptaufgabe ist: Leben.
Pulsierendes, frisches, unnachgiebiges Leben. Ohne Kompromisse und ohne Verzögerung.

Ruhig atmet er, schaut, Wissensstücke aus der Schule geben Hinweise damit er seine Sinnenantennen weiter schärfen kann.

Und Peter ist unendlich froh.
Ohne Grund.
Ohne Auslöser.
Einfach froh dass er da ist.
Hier ist.
Und in diesem Lebensozean schwimmen kann.
Mühelos.

der 10 tag

der 10. Tag

ist ein ruhiger Tag.

Peter ist einfach froh unterwegs zu sein. Nicht zuhause im Alltag zu sein.
Er schaut die Strasse entlang und sie erscheint im unendlich lang.
und egal wieweit er läuft, die strasse geht immer noch weiter.

Es sind soviele Strassen in dieser Stadt durch die er gerade geht, soviele Strassen in diesem Land. Und im nächsten Land. Und auch im nächsten.

Selbst wenn er 3800 Jahre alt wird, und jeden Tag nur läuft, er wird sie nie alle kennen lernen. Er wird nie alle Geheimnisse und Juwelen und Rätsel und Geschichten jeder Strasse kennen lernen.

Soviel er vorher sich auch informiert: es ist immer nur die Illusion der Information, der Selbstbetrug des "ich habe diese Stadt ein wenig kennen gelernt" oder "ich habe einen Eindruck von diesem Land".
So langsam er auch geht und so sorgfältig er auch schaut: es ist immer nur ein flimmern in seinen Sehnerven, ein ungenaues Längstasten an Alltagsrealitäten die nie ein Reisender kennen lernt. Und in der Erinnerung sind sowieso nur ein paar fotografische Schnappschüsse. Und mit jedem Jahr verlieren sie mehr an Farbe und Geruch.

Warum also das Rumreisen fragt er sich. Eine Mission hab ich nicht. Eine Aufgabe hab ich nicht. Ich reise weil ich mich langweile. Weil ich mir in meinem Privileg die Möglichkeit der Horizonterweiterung gönnen möchte. Aus lauter Langeweile und weil es für das soziale Netz zuhause eine Interessante Aufwertung ist wenn ich sage: ach ich war dort, ja dort war ich schon, und da hab ich jemanden kennengelernt der kam von ganz woanders...etc.
Halt die üblichen Gespräche. Austauschbar die Stichworte.

Es bleibt zurück das Gefühl des sich gutfühlens. Das ist gut. Doch mit welch Aufwand wurde dieses flüchtige Wohlgefühl aufgebaut ?

Die Leute dort in den fremden Ländern sind: so ganz anders, und ach das könnt man von ihnen lernen, das könnten sie von uns lernen. Ach gehts denen schlecht. Jesses welch Grauen. Ach wie hübsch die Kleidung etc etc
Alle Inhalte dieser Gedanken und Gespräche sind austauschbar.

Wenn Reisen bildet und die Selbsterkenntnis vertieft und die hilft das eigene Leben (und die sozialen Zusammenhänge in denen der Reisende zuhause lebt), so ist die Gegenfrage nötig:
Wenn so viele Leute aus den reichen Ländern soviel reisen, soviele Hoteltage und Flugkilometer zurücklegen: wieso sind diese Leute zuhause nicht ein klein wenig verändert oder beeidruckt oder ins Grübeln geraten?
Sie leben genauso weiter wie vor der Reise: gleiche Werte, gleiche Dinge die sie lieben und hassen.
Die süsse bequeme Beeindruckung hält nur die ersten Tage nach der Rückkehr.
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