Geschichten

25
Jan
2007

Tonband, Leuchtturm, Badehose, Tellerrand, Erdbeereis, Wind im Haar

Sie ging mit ihrem Hund Tenresig die Küste entlang. Er rannte den Stöcken hinterher die sie warf.
Weit weit raus in die Wellen warf sie die Stöchchen manchmal und der Hund war so froh sie zu holen, sie seinem Frauchen zurück zu bringen... ihr zu zeigen wie sehr er sie mochte. Alles würde er ihr gerne zu Füssen legen, alles was er an spannendem glitzerndem und wertvollem fand. Oftmals schlenderte er froh neben ihr her, sah einen schönen starken Baum im Herbstlicht und dachte sich: "welch unendlich schöner Baum, leider etwas gross um ihn ihr zu bringen, doch in Gedanken schenk ich ihn ihr..." :-)
Manchmal blieb er stehen und schaute die Fussspuren von ihr an, ihre nackten Füsse drückten so
wohlriechende Spuren in den Sand. Dann rannte er alle Spuren zurück, schnupperte und zählte sie und fand das dies ein wunderschöner langer Spaziergang ist.

Martina war traurig heute, er merkte es am Geruch ihrer Füsse. Deshalb blieb er heute mehr in ihrer Nähe als sonst an solch schönen Wellenhüpftagen. Die Sonne rollte sich langsam den Horizont hinunter und legte sich in ihr Bett, und Martina legte sich in die Dünen beim Leuchtturm. Tenresig setzte sich neben sie und hörte ihrem Herzen zu, ab und zu stupste er sie ans Bein oder an die Schulter, und legte seine nasse Nase an ihre Wange. Er hörte laut und deutlich wie und warum sie traurig war, und er hoffte das der Wind in ihrem Haar den Kummer forttrug. Ihre Freundschaft hatte heut etwas zeitlos Schönes fand er...so wie der Wind durch sein Fell und ihr Haar schlenderte...etwas Leichtes und Freies. Ja, es ist der gleiche Wind, der uns verbindet heut. Das wünschte er ihr...leicht und froh wieder zu werden eines Tages.

Ooooo.... da oben geht ein Licht so rundrum, es scheint ganz weit zur schlafenden Sonne hin, dreht sich über das ganze viele Wasser und schwupps ist es weg, und hoppla... da ist es wieder. Komisch, wieso kann es nicht einfach nur der Sonne etwas Licht für die Nacht geben? Wieso muss es dauernd so unruhig rumrennen? Es ist aber auch als sucht es den Horizont ab, als sucht es etwas am Rand der Dinge. So wie die leckeren Stückchen die oft am Tellerrand noch kleben und die sorgfältig abgeschleckt werden müssen.

Martina schaute lange lange hoch zu den Sternen. Der drehende Lichtstreifen zog unermüdlich seine Bahnen, und sie versuchte zu verstehen wieso einige Dinge sich wiederholen im Leben.
Gestern sah sie den Stern, heute den, morgen wird sie einen neuen Stern sehen und erkennen.

Sie nahm das Tonband aus der Hosentasche, das Band auf das Peter ihr mal seine Lieblingslieder aufnahm. Auch sprach er zu ihr dort auf dem Band, nur alltägliche Plaudereien um ihr während seines Auslandsaufenthaltes ein paar Minuten seiner Stimme da zu lassen. Damals bedeutete ihr die Kassette sehr viel, sie kannte jedes Knacken, jedes Atemholen und Stimmbewegung auswendig. Er erzählte z.B. von seiner neuen Badehose, welche Farben sie hatte. Doch dann klingelte es in der Aufnahme an seiner Haustür und sie hörte die Nachbarin ihn um Salz fragen. Er ging in die Küche und brachte es zu Tür, die Stimmen wurden leiser, sie Haustür ging zu und seine Schritte und Stimme näherten sich wieder dem Mikrofon, er sprach weiter von der Badehose und an welchen Stränden dieser Welt er schon war.

Nie verstand sie warum er diese Salzfrage Situation damals nicht gelöscht hatte.
Aus dieser besonderen Aufnahme, aus diesem besonderen Geschenk hinauslöschte.

Jetzt, Jahre später, verstand sie. Denn schon damals hatte die Nachbarin gespürt, das er etwas für Martina empfand und wollte sich ihm in Erinnerung bringen, sie wollte das neue Band zwischen ihm und Martina irritieren und stören. Dass er diese Irritation nicht löschte, sondern verewigte, war eigentlich die Sabotage der Beziehung schon von Beginn an. Hätte Martina das damals in der Kraft und Absicht gemerkt, hätte sie vehement Einspruch erheben müssen, Alarmschlagen und das Band schützen müssen. Denn die Nachbarin hatte gewartet, nicht lauernd, nein das nicht. Sondern gewiss und ruhig. Wartete sie. Bis sie nun Jahre später ihn hatte, ihn auf die einfachste Art an sich gebunden hatte: mit einem Kind.

Martina nahm die Kassette, und warf sie weit weit hinaus ins Meer. Tenresig sah der Kassette hinterher, und er verstand das er diese nicht holen soll. Nein, dieses Aua-plastik-ding das seinem lieben Frauchen immer soviel Tränen in die Augen macht, das soll ganz weit weit weg sein von ihr.
Ja, darauf würde er aufpassen... wehe wenn es irgendwo von einer Welle an Land gespühlt würde: dann würde er das Auading anbellen und verjagen. Ja, wuff wuff das würde er, es verjagen. Und er setzte sich aufmerksam die ganze nächste Stunde hin, und beobachte die Wellen mit scharfen Auge.

Dann gingen sie nach Hause, und Martina nahm sich ein Erdbeereis aus dem Kühlschrank. Und sie schmunzelte bei dem Gedanken, dass egal was passiert, es immer wieder wieder was Neues gibt, das ihr Freude machen wird. mmmm.... lecker Eis :-) es schmilzt und ist weg, und es war gut, war es da, wenn auch nur kurz.

drei Worte: Mars, Tiefseerausch, Hausmeisterin

Amelie wurde älter und faltiger, die Knochen gingen langsamer die Strassen von Paris entlang und ihr Blick verlor an äusserer Schärfe.

Sie hatte Zeit und keine Eile. Lange stand sie vor ihrer Wohnungtür und betrachtete die Fotos die darauf klebten.

Da war ein Foto von ihr aus jungen Jahren: sie mit Zorohut und Maske.


Ein Foto zeigte ihren ersten gemeinsamen Frühstückstisch und sie merkte noch heute das Regenbogenlicht das diesen Tisch umgab.

Sie Hand in Hand mit ihrem Liebsten, beide mit ersten grauen Haaren und sie lachten besinnungslos vor Freude.


Das Foto daneben zeigte ihren Frühstückstisch zu ihrem 30sten Hochzeitstag: Biosäfte, Zwieback und ihr Hörgerät war im Marmeladenglas, ihr liebster hielt es für das Foto neben sein prustendes lachendes Gesicht.
Ja, ach... ihr liebster versteckte es immer an den unmöglichsten Orten. Schlieslich war er vom Mars, so wie sie von der Venus ist. Sein Humor und Witz war ihr manchmal ein Rätsel gewesen. Doch gerade weil er so eigen und ihr manchmal fremd war, liebte sie ihn noch immer innig.


Ein Foto zeigte ihren ersten einsamen Frühstückstisch nach seiner Beerdigung - er schlief schmunzelnd und dankbar ein.
"Dankbar bin ich dir", waren seine letzten Worte, "denn du hast mir die Schätze von drei Planten gezeigt: Erde, Mars und du die Venus... und du bist der schönste Schatz von allen."
Amelie lächelte zahnlos und froh als sie an diesen Abschied dachte. Ja, ihre Liebe war manchmal ruhig und klar wie ein unberührter See in der Mongolei gewesen.
Mal gingen die Wellen hoch bis zu den Sternen und runter bis an den Grund der Seelen. Auch in diesen schwierigen Zeiten lies sie alles zu und wehrte sich nicht. Denn sie wusste das die Ängste flüchtig sind wie die Halluzinationen eines Tiefseerausches.

Sie öffnete knarrend ihre Wohnungtür, das Nachbarskind hatte unter Amelies Namenschild eine Zusatzschild geklebt: "Unserer liebsten Hausmeisterin zum 95. Geburtstag".
Darauf kritzelte sie mit unschuldiger Kinderhand eine lachende Sonne mit zwei Beinen und zehn Händen. Die Sonne hatte eine Sprechblase mit der vertrauten Hausnummer 57.
Amelie setzte sich an ihren Tisch und eine lebenssatte Träne kullerte an ihre Nasenspitze.

drei Worte: Kabelkanal, Briefumschlag, Restaurant

Die Maus wusste heut nicht an welcher Ecke der Küche sie rumknabbern sollte.
Jeden Krümmel hatte sie schon gefunden und der Kühlschrank war dooferweise voll verschlossen.
Seit Jahren schon war sie nicht mehr im leckeren Kabelkanal gewesen. Dies wär doch eigentlich ein prima Tag heut dafür, dachte sie sich und schwups... spazierte sie die Kabel entlang.

Da gab es das Telefonkabel, das Herdkabel und den Kabelsalat. Mmmmm... das ist aber umständlich, durch diesen Salat sich jetzt durchknabbern. Nun, warum eigentlich nicht, schliesslich haben diese Kabelsalate einen hohen Gesundheitslevel voller Vitamine, den soll der Käse und die Tapete erstmal erreichen. Also knabber knabber schmatz schmatz... mmmm... fein :-)

Unten im Restaurant ging Martina rasch für kleine Mädchen mal Pipi machen und verlies den Tisch. Peter sass seltsam irritiert da, die Worte von Martina waren heut so karg, das Lachen so grell und ihr Blick so unruhig.
Er schaute auf ihre Handtasche und sah einen Briefumschlag, vorsichtig tippte er ihn mit der Fingerspitze an. Ist dies der geheimnisvolle Brief von dem sie sprach ? Sie sagte vorhin, ein Brief hätte ihr Leben auf wundersame Weise verändert, ja doch, zum Guten gewendet viele Sorgen.

Doch wieso dann diese Anspannung bei ihr ?

Peter grübelte vor sich hin, als die Rauchwolken durchs Lokal zogen. Die Leute sprangen in Panik umher, alle rannten raus, flüchteten eilig vor dem Feuer und den Wolken.

Peter und Martina standen vor den Flammen, überall grosser Alarm und Feuerwehr und Helfer und Kucker.

Mit angekohlten Kleidern standen sie da, konnten gerade noch die nackte Haut mit wenigen Kleiderfetzen retten.

Lange schauten sie in die Flammen.
Dann sprach Martina zum Feuer und zu Peter:
"Wer von euch beiden hat meine Handtasche mit dem Brief?"
Das Feuer war laut knisternd und pfeifend.
Peter war still.

Martina verstand.

Sie legte langsam ihren Arm um seine Schulter, schmiegte sich an ihn und flüsterte an sein Ohr:
"Briefe kommen und gehen, doch du Peter stehst hier neben mir.
Danke.
Jetzt bin ich müde, unendlich müde. Lass uns nach Hause gehen."

drei Worte: wetterkatastrophe, supermarkt, 15 cent

Der Wettergott


Egal wie er es auch machte, die Leute waren einfach nie zufrieden. Da macht er Sonne: "ächz ist das heis", macht er also etwas Regen: "stöööhn, schon wiiieder Regen immer nur Regen Regen", macht er Schnee: "wiiderlich, einfach WIDERLICH dieser EEEwige SchnEEE".

Der Wettergott hatte die Nase nun einfach voll, kein Bock mehr auf die Menschleins und ihre Launen. Da bastelt er so liebvoll und witzig an den Dingen rum und sie sehen immer nur ein Unwetter und Wetterkatastrophen.

Da baut er an den Schneeflocken und ihren Facetten rum, gibt sich Mühe mit der Form und dem leisen "pling plitsch" der Regentropfen, gibt den Sonnenstahlen so viele Farben hinzu: nie ist es den Leuten recht.

Also packt der Wettergott seinen Koffer, macht sein Büro zu und lässt das Wetter Wetter sein, sollen sie doch schauen was passiert und nehmen was übrig bleibt.

So schlendert er vergnügt über die Erde, endlich Ferien, jupii, einfach mal Frei haben von all dem Bastelstress und dem Abwägen was denn heut angebracht ist, der Mehrheit gefallen könnte und doch immer falsch liegen.

Da kommt er durch ein kleines Dorf, wundert sich gar sehr dass alle sich um den Supermarkt drängen. Die einen rufen nach Regenschirmen, die anderen wollen Sonnenmilch, die anderen betteln die Verkäuferin an doch noch ein paar Winterjacken zu verkaufen.

Er schaut erstaunt hoch und siehe da, tatsächlich: alles durcheinander; Schnee rutscht die Sonnenstrahlen entlang, Regen giesst aus Eimern nur auf ein Haus, dann auf ein anderes.
Tja, dumm gelaufen irgendwie.

Da sieht er drei Münzen auf der Strasse vor sich liegen, drei Münzen a 5 cents: total 15 cents.
Eine Münze ist nass wie Regen, eine Münze ist weis wie Schnee, eine glüht warm wie ein Sonnenstrahl.

Er wirft alle drei hoch und eine fängt er auf:
die glühend warme Münze.
"Also gut", sagt sich der Wettergott, "hab ich sie genug geärgert, ab jetzt gibts Sonne satt für alle.
Ab nun werf ich jeden Tag die Münzen, und was ich auffange, das gibts auf den Tisch: und gegessen wird was auf den Tisch kommt. Kein Diskutieren und abwägen mehr. Einfach die Tagesmünze gibt es für alle und basta und Ruhe :-) ".
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